Wie Luc Jochimsen singe ich nie die Nationalhymne. (Nur manchmal im Auto, zum üben.) Natürlich kenne ich alle drei Strophen und tendiere auch dazu den patriotischen Hintergrund des Deutschlandliedes nicht negativ zu bewerten. Aber Patriotismus?
Für Patriotismus habe ich noch nicht das richtige Land gefunden. Einiges spräche dafür amerikanische Patriotin zu sein, aber die Gegenargumente sind so offensichtlich, dass das auch nicht ernsthaft in Betracht kommt.
Jedenfalls war ich im Zuge meines Fussball-WM-Ignorierens am Samstag während des Spiels beim public viewing. Eher aus Versehen, da alle Cafés Fernseher aufgestellt hatten, hatte ich mich nämlich in ein Kaufhausrestaurant (klimatisiert!) begeben wo es zwar ebenfalls einen Fernseher, aber einen erträglichen Geräuschpegel gab. Und dort hab ich dann mal die Zuschauer des Spiels beobachtet.
Mein Eindruck war, dass viele Leute gerne Patrioten wären und sie Fussball für einen unverfänglichen Moment halten um patriotisch zu sein. Außerem ist Fussball ja sehr emotional - und wenns mal nicht emotional ist kann man sich ja einfach selbst in seine Gefühle noch ein bisschen mehr reinsteigern. Jedenfalls stand da eine Mittvierzigerin mit schlecht gefärbten Haaren und schluchzte "Oh, das ist ja wie beim Sommermärchen."
Da ich jeden Tag Bild lese (jedenfalls die Online-Ausgabe konsumiere ich durchaus exzessiv) kenne ich diese Art schmierige Gefühle breit zu treten schon längere Zeit. Dennoch ein starker Anlass zum fremd schämen.
Eins macht mir allerdings große Sorgen: auf Facebook beobachte ich wie sich dieses fröhliche Schluchzen in Sprüche wie: "Spanien heimschicken" oder lächerliche letzte Aufrufe für den Flug von Argentinien verwandelt. Bild online hatte nach dem Spiel am Samstag sogar "Don't cry for me Argentina" als Hintergrundmelodie. Das ist ein Moment in dem mir unwohl wird, weil es ins Negative zu kippen droht.
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